Archäologie

Beiträge von  Dr. Dirk Rieger,  Ausgrabungsleiter für die Hansestadt Lübeck

 

 

Slawisch-lübsche Interaktion?

Im Lübecker Gründungsviertel konnten während der letzten Jahre flächig die ältesten Befundlagen in einem Abschnitt an der Braunstraße dokumentiert werden. Unterhalb der ersten nachgewiesenen Kulturschicht, die bereits mit der Frühphase der Stadt Lübeck in Verbindung zu setzen ist, fanden sich neben einem schmalen Graben auch eine annähernd 3 m tiefe Siedlungsgrube sowie ein kleineres Gebäude aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. In dem freigelegten Gräbchen fanden sich nur spätslawische Keramiken während in den oberen Verfüllhorizonten auch wenige „deutsche“ Kugeltopfscherben entsorgt wurden. Die Grube lag direkt an einem quadratischen, 4,5 x 4,5 m großen Gebäude, das im rückwärtigen Bereich des Grundstücks untersucht wurde. Die Gebäudekonstruktion selbst bestand aus nichtentrindeten Pfosten in Pfostengruben mit Wänden aus senkrecht eingetieften Staken. Größere Mengen verbrannten Lehms mit Rutenabdrücken deuten auf eine Wandverkleidung aus Lehmbewurf hin. Auch im direkten Umfeld des Untersuchungsabschnitts fanden sich ältere Gruben sowie eine verstärke Fundanhäufung von spätslawischen Funden. Bedauerlicherweise bestehen die geborgenen architektonischen Elemente alle aus Weichhölzern und sind somit nicht für eine dendrochronologische Datierung heranzuziehen. Jedoch deutet nicht nur die Lage sondern auch das Fundspektrum auf den Kontakt zwischen slawischen Traditionen und den ab 1143 überlieferten deutschen Siedlungstätigkeiten auf dem Lübecker Stadthügel.

Foto:   Tiefe Siedlungsgrube, die mit größeren Mengen spätslawischer Keramik verfüllt war

 

 

 

Argentum vivum

In einer holzausgesteiften Abfallgrube des 13./14. Jahrhunderts an der Fischstraße wurden mehr als 30 Gramm Quecksilber geborgen. Nach Funden in Haithabu ist dies erst das zweite Mal, dass in Norddeutschland das hochgiftige Metall im archäologischen Befund nachgewiesen werden konnte. Wofür es Verwendung fand, ist momentan noch unklar. Denkbar wäre eine Funktion in der Spiegelherstellung, wie sie beispielsweise aus französischen Schriftquellen des frühen 14. Jahrhunderts bekannt sind. Ein Spiegelmacher selbst ist der Überlieferung nach in Lübeck auch im direkten Umkreis der Fundstelle für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts belegt. Weiterhin ist im selben Zeitraum ein Apotheker erwähnt, in dessen Arbeitstätigkeit ebenfalls der Umgang mit dem flüssigen Metall fällt. Auch die Herkunft des Quecksilbers gibt momentan noch weitere Rätsel auf. Neben den bekannten Abbaugebieten in Spanien und Serbien ist auch in Obermoschel (Rheinland-Pfalz) im späten Mittelalter Quecksilber gewonnen worden. Die rheinland-pfälzischen Bergwerke lagen im Einzugsgebiet des Herzogs Johann von Lothringen, Brabant und Limburg. Dieser bewilligt in einem Schreiben unter anderem auch den hansischen Kaufleuten in seinen Landen bestimmte Freiheiten und besondere Zölle. Eine Abschrift dieser Urkunde von 1315 befindet sich im Archiv der Stadt Lübeck. Neben diversen zu verhandelnden Metallen wird hierin explizit von „argentum vivum“ gesprochen.

 

Foto:   Bergung des giftigen Quecksilbers unter Verwendung von Vollschutzanzügen

 

 

 

Komfortzone Seitenflügel

Nach den überaus erfolgreichen Ausgrabungen des Großprojektes im Lübecker Gründungsviertel von 2009 bis 2014 werden momentan im Zuge der Erweiterung des Bebauungsplanes noch einmal vier weitere ehemalige Grundstücke an der oberen Fischstraße für eine Neubebaung archäologisch untersucht. Neu aufgedeckte Befundlagen ergänzen die bisherigen um weitere spannende, unvorhergesehene Ergebnisse, die ein detailliertes Bild der Genese des auch als Kaufleuteviertel bezeichneten Quartiers zeichnen. Im Gegensatz zu den durch die Nachkriegsarbeiten und Schulneubauten der 60er Jahre stark gestörten Nachbarliegenschaften sind im aktuellen Projekt sämtliche Strukturen - sogar des 19. Jahrhunderts - erhalten, so dass nahtlos ein Aufschluss über die Stadtentwicklung vom Gründungsjahr 1143 bis zur Zerstörung von 1942 möglich ist. Dieses schlägt sich vor allem in mächtigen Stratigraphien von bis zu fünf Meter Stärke nieder, in denen ein für das späte Mittelalter der Stadt nicht häufiger Befund freigelegt werden konnte. Es handelt sich hierbei um eine in einen ebenerdigen und backsteinernen Seitenflügel eingebundene Warmluftheizung. Einige dieser Anlagen sind in Lübeck bisher aus Klöstern und Profanbauten bekannt. Die Existenz des neuen Befundes in einem Nebengebäude stellt schon eine Besonderheit dar. Zudem datiert sie in eine Zeit, als Kachelöfen bereits großenteils Verbreitung und eine Art der Standardwärmequelle gefunden hatten. Diese „traditionelle“ Bauweise aus einem großen, schweren Backsteinkorpus mit eingeschlossenem Heizkanal und Bogenansätzen aus an den Seitenrändern abgefasten Backsteinen erlaubt die vollständige Rekonstruktion: das Feuer im Heizkanal erhitzte die Speichersteine auf den Backsteinbögen. Nach Ausräumen der Glut strömte die warme Luft über Kanäle durch Bodenplatten mit verschließbaren Löchern in ein vor allem für die jüngeren Phasen der Stadtgeschichte als Schlafstätte genutzten Gebäudeteil. Sowohl die Russschwärzung innerhalb des Heizkanals als auch große Mengen an Speichersteinen untermauern die tatsächliche Nutzung des Befundes. Wie lange die Anlage, die vom Vorderhauskeller aus beschickt wurde, in Nutzung war, ist indes nicht exakt zu belegen. Weder aussagekräftige Funde in der Verfüllung noch ein direkter Aufgabebefund waren erhalten. Zumindest belegt die Stratigraphie eines Umbaus des Flügelbaus im 19. Jahrhundert die späteste Außerfunktionstellung der Heizung, die ihrerzeit die „Komfort-Zone“ einer Lübecker Familie deutlich erweiterte.

Foto:   Warmluftheizung des späten Mittelalters mit Heizkanal und Speichersteinen sowie Ansätzen eines  Backsteinbogens

 

 

Wohin mit dem Wasser

Ein eindrucksvoller Befund wurde im Zuge des ersten abgeschlossenen Grabungsabschnittes an der Braunstraße dokumentiert. Es handelte sich hierbei um eine rund 20m lange, enge Grabenkonstruktion aus dicht aneinander gesetzten Rundhölzern, die durch den anstehenden Ton getrieben, tief im darunterliegenden Sand gründete. Der dendrochronologisch um 1177 datierte Befund verläuft parallel zu der ersten gesicherten Holzbebauung im Untersuchungsgebiet und diente der Ableitung des vom Stadthügel herunterströmenden Hangwassers sowie des kontrollierten Versickerns der von den umgebenden Gebäuden abfließenden Regenmengen. Er sollte die hölzernen Fundamentierungen der Häuser vor Fäulnis schützen. Mit Beginn des Backsteinbaus bei Profanhäusern verlor der Graben zu Beginn des 13. Jahrhunderts seine Funktion und wurde in einem Zuge verfüllt. Vergleichbare Drainagegräben liegen unter anderem aus Norwegen (Bergen) vor, mit dem Unterschied, dass der Lübecker Befund mehr als 200 Jahre älter ist.

 

 

 

 

 

 

Foto:   Mit Rundhölzern ausgesteifter Graben aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts.

 

 

 

Geschäfte auf zwölf Meter Länge

An der Alfstraße wurde die „wahrscheinlich längste“ Kloake der Hansestadt ergraben. Die in mehreren Segmenten ausgesteifte Bohlenwandkloake wurde auf der gesamten Grundstücksbreite einer Liegenschaft im Herzen der Altstadt erfasst. Zwar ist die Kloake nur etwa mehr als zwei Meter breit, dafür aber elf Meter lang. Sie schloss wie ein massiver Riegel das Grundstück zu den Nachbarn ab und war mit einem gewaltigen Pfostengebäude überbaut, dessen großdimensionierte Substruktionen aus 40cm hohen und 15cm breiten Balken bestand und sie über zwei Meter tief in den Hof eingegrabenen wurden. Es ergibt sich daraus ein infrastrukturelles Quergebäude mit einer Länge von zwölf Meter Breite, einer Raumtiefe von 3,75m und folglich einer Grundfläche von guten 45 Quadratmetern. Das Fassungsvermögen des Großkloakenkomplexes lag ursprünglich mit rund 35 Kubikmetern ebenfalls in den zur Kloakenbaukonstruktion vergleichbaren lübschen Top Ten. Weitere Vergleichsbeispiele für ein derartig dimensioniertes Quergebäude und vor allem mit einer sich über die volle Grundstücksbreite erstreckenden „Geschäftsstelle“ momentan auf der Grabung noch rar. Der dendrochronologisch auf 1215 datierte Komplex weist jedoch auf ein „besonders großes“ Bedürfnis der Bewohner des Grundstücks in der Straße hin, die nach dem Gründer der Stadt Adolf von Schauenburg benannt ist. 

 

 

 

 

Foto:   Teil eines zwölf Meter langen Quergebäudekomplexes mit integrierter Bohlenkloake aus der Zeit um 1215

 

 

 

Von Klein zu Groß

Verschachtelt wie in einer Matrjoschka-Puppe lagen an der Fischstraße Gebäude in Gebäude und erlaubten es, detaillierte architektonische Entwicklungen vom späten 12. bis in an das Ende des 13. Jahrhunderts zu untersuchen. Unterhalb der im zweiten Weltkrieg zerstörten großen mittelalterlichen Dielenhäuser konnten kleinere Backsteingebäude ergraben werden. Diese datieren in das zweite Drittel des 13. Jahrhunderts waren ebenfalls unterkellert und sowohl zur Straße als auch zum Hof mit Treppenanlagen ausgestattet. Schon bei der Altgrabung auf den nördlich anschließenden Grundstücken konnten ähnliche Baubefunde entdeckt werden, die in Kombination mit den neuen Häusern an eine dicht bebaute, straßenfluchtschließende Architekturlandschaft denken lässt, die gleichermaßen imposant wie auch prestigeträchtig die lübschen Kaufleute und darüber hinaus die Stellung Lübecks als Handelszentrum an der Ostsee repräsentiert haben dürfte. Jedoch waren diese Backsteingebäude nicht die ältesten Häuser, die hier standen. Unterhalb ihrer Kellerfußböden konnten insgesamt zwei Holzkeller ausgegraben werden, welche in die Zeit des späten 12. Jahrhunderts datieren.

 

Foto:   Dielenhäuser an der Fischstraße, gestört durch moderne Betonfundamente der ehemaligen Hanse-Schule. Darin Reste der älteren, kleinen Backsteingebäude und noch älterer Holzkeller (hier im linken Bildrand mit Zugangsrampe und Findlingswandungen)

 

 

Lübecks (bislang) ältester Holzkeller

An der Alfstraße wurde ein äußerst interessanter Gebäudekomplex ausgegraben, der dendrochronologisch auf das Jahr 1166 datiert. Es handelt sich um einen 7 m langen und 4 m breiten Holzkeller in einer bis dato noch nie in Lübeck dokumentierten Konstruktionsweise. Die Schwellen des Kellers bestanden aus hochkant stehenden Schwellbohlen mit Kantenflaz, auf die auf der vollen Breite des Komplexes jeweils nur drei Ständer aufgesteckt wurden. Die Durchlüftung des Innenraumes wurde durch vier Luftschächte ermöglicht, die bis auf die Höhe des Hofniveaus reichten. Interessanterweise fanden sich über der nahezu vollständig erhaltnen und in die Verfüllung eingestützten Deckenkonstruktion aus Balken- und Bohlenlagen sogar die Reste der außerhalb der Kellerdecke liegenden Erdgeschossschwellbohlen. Weiterhin konnten noch die Erdgeschosswand der Südseite auf voller Gebäudebreite und einer Länge von bis zu drei Metern ausgegraben werden. Diese ermöglichen erstmals gesichert den Aufbau des Aufgehenden eines so imposanten Gebäudekomplexes aus der Mitte des 12. Jahrhunderts.

 

 

 

Foto:   Schwellbohlenkeller mit Balken und Bohlen der Erdgeschossdecke sowie vier in den Keller reichenden Luftschächten.

 

 

 

Spuren des Paternostermachers

Spannende Funde fanden sich im Eckhause Braunstraße 32, die mit einer historischen Persönlichkeit in Lübeck in Verbindung gebracht werden können. Das Grundstück gehörte nach Analyse der schriftlichen Quellen in der Mitte des 14. Jahrhunderts einem Johan Paternostermaker, dessen handwerkliche Abfälle sich in einer über 4 m tiefen Backsteinkloake fanden. Zu den Funden zählen neben qualitätvollen Keramik- und Glasgefäßen in großer Zahl Bernsteinperlen, die für die Herstellung von Rosenkränzen von dem Paternostermacher verarbeitet wurden. Der von den Stränden der Ostsee stammende Bernstein wurde vom Deutschen Orden an sogenannte Lieger verkauft, die das Rohmaterial an die Paternostermacher veräußerten. Interessanterweise hatten im 14. Jahrhundert nur Brügge und Lübeck das Recht inne, Bernstein zu verarbeiten.

 

 

 

Foto:   Paternostermacherperlen von der Braunstraße

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